Ausland

Türkei: Völkermord an Armenier

Die Fernseh-Dokumentation “Aghet” über den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich löst heftige Kontroversen aus. Während die Türkei den Genozid an den Armeniern weiter leugnet und von einseitiger Propaganda spricht, werden Stimmen, die eine auch formelle Anerkennung des Völkermords als historische Tatsache fordern, lauter.

Die Fernseh-Dokumentation “Aghet – die Katastrophe” auf ARD rückt den Völkermord an den Christen in der Türkei wieder in den Focus

Die Fernseh-Dokumentation “Aghet – die Katastrophe” veranschaulicht erstmals den chronologischen Verlauf eines dunklen türkischen Kapitels während der Herrschaft der Jungtürken im Ersten Weltkrieg anhand von Aufzeichnungen heute nicht mehr lebender Zeitzeugen: dem Genozid an etwa 1,5 Millionen Christen, hauptsächlich Armenier und Aramäern. Bis heute wird dieser Völkermord -auch als Blaupause für den späteren Holocaust an den Juden im Dritten Reich bezeichnet- von der türkischen Regierung geleugnet, eine Erwähnung in der Türkei strafrechtlich verfolgt. In dieser Dokumentation kommen damalige Zeitzeugen, deutsche und internationale Botschafter, Konsule und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu Wort, denen Schauspieler wie Martina Gedeck, Sylvester Groth, Thomas Heinze, Sandra Hüller, Gottfried John, Burghart Klaußner, Joachim Król, Peter Lohmeyer, Ulrich Noethen, Katharina Schüttler, Charlotte Schwab, Thomas Thieme und Ludwig Trepte ihre Stimmen und Gesichter leihen. Dadurch erlangen die sonst stummen Bilder von misshandelten, verhungerten und verstümmelten Opfern eine erschreckende Authenzitität.

Längst fällige Anerkennung oder Propaganda?

Dieser Film löst heftige Kontroversen aus. Während Angehörige der Opfer die späte Ausstrahlung am Sonntag erst um 23.00 Uhr kritisieren, werfen Vertreter der türkischen Haltung dem ARD eine Verleumdungs- und Propagandakampagne auch auf Kosten türkischer Gebührenzahler der Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten vor. Historische Tatsachen in Form von Aufzeichnungen verstorbener Zeitzeugen und wesentliche Dokumente aus den Archiven würden gefälscht und bewusst gegen die Türkei eingesetzt, so der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland während der anschliessenden Diskussion. Diesem Tenor schloss sich auch dessen Landsmann und Journalist Ahmet Külahci an, der gar einen Völkermord anhand der Tatsache versuchte zu entkräften, dass doch vornehmlich Männer getötet wurden, während Frauen und Kinder lediglich deportiert wurden. Die zahlreichen Vergewaltigungen und Verstümmelungen wurden als “bedauerliche Nebenerscheinungen eines Krieges” abgetan.

Aus Rücksicht auf die witschaftlichen und geopolitischen beziehungen mit der Türkei wird der Völkermord nur von wenigen Staaten anerkannt

Eine formelle Anerkennung der Ereignisse während des Ersten Weltkriegs als “Völkermord” wird von den meisten Staaten nach wie vor verweigert. Selbst Deutschland, damals “Verbündeter und Helfer in finanzieller und logistischer Hinsicht”, drängt die Türkei zwar zur Anerkennung des Genozids, traut sich aus Sorge um die guten bilateralen Beziehungen mit der Türkei jedoch nach wie vor nicht, diesen in die Resolution im Bundestag aufzunehmen. Bereits mehrfach hat die Türkei Staaten wie den USA und Deutschland mit der Aufkündigung wirtschaftlicher Beziehungen und dem Abzug von Diplomaten gedroht.

Anerkennung des Völkermords in der Türkei nur eine Frage der Zeit?

Seit der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink im Jahr 2007 ist zu erkennen, dass mittlerweile größere Teile der türkischen Bevölkerung eine Aufarbeitung der Ereignisse wünschen. Der gewaltsame Tod von Hrant Dink, Herausgeber der zweisprachigen Wochenzeitung Agos in der Türkei, brachte 200.000 Menschen auf die Strassen Istanbuls, die “Wir alle sind Hrant Dink – Wir alle sind Armenier” skandierten. Zudem melden sich vermehrt auch türkische Schriftsteller zu Wort, die an eine Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern apellieren. Die rechtliche Verfolgung und physische Bedrohung des türkischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Orhan Pamuk nach einer solchen Fürsprache zeigt jedoch, dass es noch ein sehr lange Weg ist, hin zur Anerkennung des Genozids oder gar zur Aussöhnung mit den Opfern.

42 Kommentare zu “Türkei: Völkermord an Armenier”

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