Deutschland, Politik

Sarrazin bei Beckmann: wie wissenschaftliche Fakten an engstirnigen Menschen abprallen

Thilo Sarrazin hat in seinem Buch “Deutschland schafft sich ab” die mediale Aufmerksamkeit bekommen, die er nicht verdient. Das Sachbuch, das wissenschaftlich daher kommt, spaltet, es treibt die Menschen in Deutschland, es fördert die hässliche Seite dieser unserer Gesellschaft zu Tage. Nun hat Sarrazin sich bei Beckmann zu seinen Thesen äussern dürfen. Anwesend waren Ranja Yogeshewar (Diplom-Physiker und Moderator der Sendung Quarks und Co), Aygül Özkan (erste Landesministerin Deutschlands mit Migrationshintergrund), SPD-Vorsitzender von Hamburg Olaf Scholz und Renate Künast (Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen).

Schnell wird in der Diskussion klar, Sarrazin benutzt zwar Zahlen und Statistiken, reisst diese aber grösstenteils aus dem Zusammenhang, nur um seine Position bestätigen zu können. Gerade vor Yogeshewar, der als Wissenschaftler sprach und deutlich machte, dass die Einteilung wie sie Sarrazin vornimmt so nicht haltbar ist, muss ein Sarrazin auf seiner Position verharren. Gemeint ist eben Sarrazins Pauschalisierung, wenn er gezielt der muslimischen Minderheit vorwirft, sich nicht integrieren zu wollen. Die am Sonntag geäusserte Behauptung (in einem Interview mit der Welt am Sonntag), Juden hätten ein gemeinsames Gen, ist eindeutig aus dem Zusammenhang gerissen, dafür kann Sarrazin nichts, obschon er wissen musste, mit wem er da ein Interview führt. Es bleibt fest zu halten, Sarrazin ist kein Nazi (so laut die NPD auch ihm zuklatschen mag), aber ein Rassist.

Denn die genetische Einteilung von Menschen ist so wissenschaftlich nicht haltbar, auch wenn die meisten Menschen in Deutschland (und anderswo) dies nicht glauben wollen. Dazu ist die genetische Variation innerhalb einer Nation zu gross, d.h. ein zufällig gepickter Schwarzafrikaner unterscheidet sich genetisch nicht mehr, als ein Bayer von einem Ostfriesen. Zudem führt Sarrazin alles auf die Genetik zurück, lässt aber Faktoren wie Sozialisation, Millieuherkunft und Bildung der Eltern aus. Dies ist bei Leibe kein wissenschaftlicher Ansatz. Intelligenz ist eben nicht genetisch vererbbar, denn 200 Jahre nach Darwins Geburt ist wissenschaftlich gesichert, Genetik gibt nur eine Bandbreite möglicher Ausprägung vor, wie diese Ausprägung aussieht, hängt unmittelbar mit Umweltfaktoren (also in diesem Fall Sozialisation, Bildung etc). Wer wie Sarrazin dermassen sich auf die Genetik als Ursache menschlichen Zusammenlebens stützt, und dies auch noch falsch ist, kann nur ein Rassist sein.

Die Soziologin Dr. Naika Forountan, vom Berliner Institut für Sozialwissenschaften, lieferte in einem Statement beindruckende Zahlen. Demnach leben 80 % der Menschen mit muslimischen Migrationshintergrund entweder von der Selbstständigkeit, oder beziehen einen regulären Lohn; dies kollidiert mit Sarrazins Behauptung, 40 % der Menschen mit muslimischen Hintergrund lebten von Transferleistungen. Sie spricht von einem Bauchgefühl der deutschen Bevölkerung, die nicht identisch ist mit der Wahrheit. Demnach nimmt die Sprachfähigkeit der türkischen Jugendlichen zu: waren in den 60 er jahren lediglich 3 % dieser Jugendlichen im Stande, das Abitur abzulegen, sind es heute schon 18 % (also nahe am deutschen Durchschnitt). Richtig ist aber die Zahl der Deutschen mit fremdenfeindlichen Ansichten, 52 % der Deutschen denken, dass es zu viele Ausländer in Deutschland gibt.

Am Ende erläutert Olaf Scholz das Ausschlussverfahren aus der SPD, welches inzwischen eingeleitet sein soll. Da wird auch ein steifer und selbstgerechter Sarrazin unruhig. Was bleibt, ist die Erkentnis: trommelt mal einer, kommen alle aus dem Busch. Die Debatte um Sarrazin beschäftigt sich nicht um seine Thesen (denn diese sind einfach unsachlich, pauschalisierend, durch und durch falsch und äusserst Xenophob/Islamophob), Sarrazin dient als Zugpferd, endlich die Ressentiments aussprechen zu können, die ansonsten ach so verpönt seien. Am Ende der Sendung gibt Beckmann bekannt, 70 % der Zuschriften stimmen Sarrazin zu. Wahrscheinlich sind es solche Menschen, die Ausländer nur aus der BILD und Fernsehen kennen, sich aber nicht zu schade sind, ihre Mercedesse in Schwarzafrika zu verkaufen, oder eine Jeans aus Pakistan mit Hauptsitz in den USA und mit einem jüdischen Namen zu tragen, einen Döner zu vertilgen und so weiter. Deutschland 2010, und immer noch nichts gelernt!

9 Kommentare zu “Sarrazin bei Beckmann: wie wissenschaftliche Fakten an engstirnigen Menschen abprallen”

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